Reaktionen auf seinen Tod

Uwe Seeler (Ehrenspielführer): „Das muss ich erst einmal verdauen. Erst vor zwei Wochen ist Jürgen Werner gestorben und jetzt schon wieder ein guter Freund von mir gegangen. Ich bin sehr betroffen. Ich habe am Sonntag noch bei Walters zu Hause angerufen und dabei gehört, dass es ihm sehr schlecht geht. Aber dass es so schnell zu Ende geht, damit habe ich nicht gerechnet.“

Miroslav Klose (Nationalspieler und WM-Teilnehmer vom 1. FC Kaiserslautern): "Diese Nachricht trifft mich hart. Seit ich in Kaiserslautern spiele, gab es einige Begegnungen mit Fritz Walter, dazu Telefonate. Dabei wurde schon eine freundschaftliche Beziehung aufgebaut. Ich selbst, aber auch meine Familie und meine Freundin, haben Fritz Walter als große Persönlichkeit kennen gelernt. Für den 1. FC Kaiserslautern hat er unwahrscheinlich viel geleistet. Das wird man nie vergessen."

Andreas Brehme (Teamchef des 1. FC Kaiserslautern): "Das tut schon sehr weh. Zusammen mit Jürgen Friedrich habe ich Fritz Walter kurz vor Saisonende noch zu Hause besucht, ein paar Tage später haben wir uns zum Essen getroffen. Damals hat er sich so gut gefühlt und deshalb gesagt, zum ersten Heimspiel in der neuen Saison wolle er ins Stadion kommen. Es fällt schwer zu begreifen, dass eine solche Legende jetzt gehen muss. Leider bleibt damit auch sein Herzenswunsch unerfüllt, bei der WM 2006 Spiele in Kaiserslautern anschauen zu können."

Hans Tilkowski (Vize-Weltmeister 1966): "Fritz Walter war ein Weltfußballer, wie man ihn heute nicht mehr findet. Er war ein großes Vorbild für uns alle, denn er hat Werte wie Bescheidenheit, Zurückhaltung und Fairness vorgelebt. Ich hatte bis zuletzt noch sehr guten Kontakt zu ihm."

Gerhard Mayer-Vorfelder (DFB-Präsident): „Mit Fritz Walter verliert der deutsche Fußball eine seiner großen Persönlichkeiten. Unvergessen bleiben seine Verdienste um die Mannschaft von 1954, die er als Kapitän zum WM-Triumph geführt hat. Der DFB trauert um den Ehrenspielführer der Nationalmannschaft, der sich stets mit vorbildlicher Weise der DFB-Auswahl verbunden fühlte. Der DFB wird bei der FIFA darum bitten, dass die deutsche Nationalmannschaft das WM-Viertelfinale gegen die USA mit Trauerflor bestreiten darf.“

Johannes Rau (Bundespräsident): „Fritz Walter hat unser ganzes Land reicher gemacht. Sein überragendes spielerisches Können und sein Mannschaftsgeist trugen entscheidend zum „Wunder von Bern“ bei, das ungezählte Deutsche mit Begeisterung und Zuversicht erfüllte. In seiner langen sportlichen Karriere wurde er zum Vorbild für fußballerisches Genie, für Fairness und persönliche Bescheidenheit. Selbst Jahrzehnte nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn blieb er quer durch die Generationen so populär wie kaum ein anderer Sportler in Deutschland. Auch seine Arbeit für die Sepp-Herberger-Stiftung mit jungen Strafgefangenen wird unvergessen bleiben.“

Kurt Beck (Ministerpräsident Rheinland Pfalz, SPD): „Der Tod von Fritz Walter ist ein großer und schwerer Verlust für uns alle. Mit ihm verliert Deutschland ein großes, nicht nur sportliches Vorbild.“

Erich Ribbeck (Ex-Teamchef): „Fritz Walter ist derjenige, der nach dem Krieg maßgeblich dazu beigetragen hat, dass Deutschland, nicht nur im Fußball, sondern überhaupt wieder internationale Anerkennung gefunden hat. Mich trifft das sehr, ich kannte ihn persönlich und sehr lange, wir waren immer in Verbindung.“

Fritz Pleitgen (ARD-Vorsitzender): „Er gehörte zu den ganz Großen des Sports. Sein Tod berührt Generationen von Menschen in Deutschland. Er war mehr als eine Fußball-Legende. Er war nicht nur ein großartiger Fußballer, er war ein Idol im zerstörten Nachkriegsdeutschland. Ein Vorbild für Generationen von Nachwuchsfußballern. Fritz Walter hat viele Menschen in einer schwierigen Zeit durch seine Leistungen und sein Engagement ermutigt. Dabei war er sich immer seiner Vorbildfunktion für junge Menschen bewusst. Selbst heute ist sein Name den meisten Jugendlichen ein Begriff - Jahrzehnte nach seiner Zeit als Spieler.“

Fritz Walter - Das Fußball-Idol

Italia und Fritz WalterWalter, Fußball-Idol der vierziger und fünfziger Jahre, war seit geraumer Zeit gesundheitlich schwer angeschlagen. Er musste eine Gehhilfe benutzen, nachdem er vor fünf Jahren an der Hüfte operiert worden war. Wegen Kreislaufproblemen und einer Darmerkrankung hatte sich Walter mehrfach stationär behandeln lassen müssen. Noch im Februar musste er wegen eines leichten Herzinfarktes in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Wegen seiner Herzprobleme hatte der ehemalige Wäscherei- und Kinobesitzer die Spiele "seines" FCK in seinem Stadion - der Betzenberg wurde 1985 nach ihm benannt - zuletzt oft gemieden. Seine Ehefrau Italia, mit der er 53 Jahre lang verheiratet gewesen war, war bereits im Dezember vergangenen Jahres gestorben. "Ich hatte ein erfülltes Leben, aber ohne meine Frau Italia hätte ich das alles nicht geschafft. Ihr habe ich alles zu verdanken", sagte Walter.

Fritz Walter galt als einer der besten deutschen Fußballspieler. Schon sein erster Auftritt in der DFB-Auswahl machte den damals erst 19-jährigen Pfälzer auf einen Schlag berühmt. Er schoss beim 9:3-Sieg am 14. März 1940 in Frankfurt gegen Rumänien an der Seite von Paul Janes, Andreas Kupfer und Albin Kitzinger auf Anhieb drei Tore für Deutschland. Von da an war Walter Stammspieler im Nationalteam. Bis zur kriegsbedingten Länderspielpause am 22. November 1942 absolvierte der torgefährliche Stürmer 24 Partien und schoss dabei 19 Tore. Erst fast neun Jahre später konnte Fritz Walter am 15. April 1951 in Zürich mit dem Länderspiel gegen die Schweiz (3:2) seine internationale Karriere fortsetzen. Die ganz großen und spektakulären Erfolge erlebte Walter erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Höhepunkt war der 4. Juli 1954 im Wankdorfstadion von Bern, als der Lauterer nach dem legendären 3:2-Triumph der Nationalmannschaft im WM-Finale gegen den haushohen Favoriten Ungarn die WM-Trophäe in seinen Händen hielt. Alle, die das Glück hatten, in dieser Mannschaft zu spielen, werden den Tag ihr Leben lang nicht vergessen. Es war der absolute Höhepunkt und die Krönung meiner Laufbahn. Der liebe Gott hat uns geholfen - und der Boss", sagt Walter im Rückblick auf das Jahrhundertspiel und das umjubelte Siegtor durch Helmut "Boss" Rahn.

Als Walter am 24. Juni 1958 nach der 1:3-Niederlage im WM-Halbfinale gegen Schweden seine internationale Laufbahn beendete, hatte er 61 Länderspiele mit 33 Toren in seinem Rekordbuch stehen. Bis dahin brillierte der Supertechniker vor allem mit seinem Verein 1. FC Kaiserslautern. Fünf Mal zwischen 1948 und 1955 erreichten die "Roten Teufel vom Betzenberg", die in den fünfziger Jahren in der Öffentlichkeit den ehrenden Namen "Walter-Elf" erhielten, das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Zwei Mal gingen sie als Meister vom Platz: 1951 gegen Preußen Münster (2:1) und 1953 gegen den VfB Stuttgart (4:1). Bis 1959 spielte Fritz Walter für Kaiserslautern. Lukrative Angebote aus Frankreich und Spanien schlug er immer wieder aus. "Ich bin immer beim FCK geblieben, aber habe es nie bereut. Das soll mir heute mal einer nachmachen", hatte Walter stets betont. Als er seine Karriere 1959 nach 379 Meisterschaftsspielen und 306 Toren für den 1. FCK beendete, begann Fritz Walter eine neue Aufgabe. Nicht als Trainer, der er in den vierziger Jahren gelegentlich beim 1. FC Kaiserslautern war, sondern als Repräsentant der Sepp-Herberger-Stiftung. Hier engagierte er sich für die Resozialisierung jugendlicher Straftäter. 1998 legte er diese Aufgabe aus gesundheitlichen Gründen in die Hände seines einstigen Mannschaftskollegen Horst Eckel. Bis zu seinem Tod war Fritz Walter bemüht, das soziale Vermächtnis Sepp Herbergers weiterzuführen.

Hätte der Zweite Weltkrieg nicht die glanzvoll begonnene Karriere von Fritz Walter für neun Jahre unterbrochen - er wäre der erste deutsche Fußball-Nationalspieler mit mehr als hundert Länderspieleinsätzen geworden. Reich wurde er in seiner aktiven Zeit nicht. Er neidete aber niemandem das "große Geld". Die Erinnerungen an seine Karriere waren Fritz Walter Verdienst genug: "Wir hatten sicherlich eine schönere Zeit mit unserer unvergleichlichen Kameradschaft."



Fritz Walters Leben im Stenogramm

  • Fritz Walter, geboren am 31. Oktober 1920 in Kaiserslautern, gestorben am 17. Juni 2002 in seinem Haus in Enkenbach-Alsenborn, seit 1948 verheiratet mit Italia (starb im Dezember 2001)
  • Ausbildung als Kaufmannsgehilfe bei der Stadtsparkasse Kaiserslautern, später Wäscherei- und Kinobesitzer
    Spieler beim 1. FC Kaiserslautern von 1928 bis 1959.
  • Dort 1938 als 17-Jähriger mit Sondergenehmigung Debüt in der ersten Mannschaft, für die er 379 Spiele (306 Tore) absolvierte 61 Länderspiele (33 Tore) zwischen 17. Juli 1940 (gegen Rumänien) und 24. Juni 1958 (1:3 im WM-Halbfinale gegen Schweden).
  • Nach der aktiven Karriere führte er den SV Alsenborn als Berater 1966/67 zur Meisterschaft der Regionalliga Südwest
  • Erfolge: Weltmeister 1954, WM-Vierter 1958, Deutscher Meister 1951 und 1953, DM-Finalteilnehmer 1948, 1954, 1955, jeweils als Spielführer, 1953 Torschützenkönig aller deutschen Oberligen (38 Tore)
  • Ehrungen: Großes Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland (1970) sowie dreimal das Silberne Lorbeerblatt (1951, 1954 vor und nach der WM), Goldene Länderspielnadel des Deutschen Fußball-Bundes (1955), Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft, Träger des Verdienstordens des Fußball-Weltverbands Fifa (1995)


Das Wunder von Bern

Bei der WM 1954 ging Deutschland als krasser Außenseiter an den Start. Die Presse spottete über ein Team mit dem 33-jährigen Fritz Walter als Kapitän. In der Vorrunde setzte es eine herbe 3:8-Niederlage gegen den haushohen Favoriten Ungarn. Doch der "Chef" Sepp Herberger hatte nur eine bessere B-Elf auflaufen lassen. Ein raffinierter Schachzug, wie sich später heraus stellen sollte. Durch ein 6:1 über Österreich im Halbfinale qualifizierte sich Deutschland überraschend für das Endspiel. Am 4. Juli 1954 im Berner Wankdorfstadion waren erneut die Ungarn um Superstar Puskas der Gegner.

Ungarn - die Übermacht. Vor diesem Finaltag vier Jahre und 32 Spiele ohne Niederlage. Nach dem 8:3 gegen die Deutschen in der Vorrunde schien der WM-Titel nur eine Formsache. Aber: Es regnet in Strömen an jenem Tag in Bern. Fritz-Walter-Wetter also. Ein gutes Omen? Zu Beginn kaum. Puskas (6.) und Czibor (8.) bringen die Magyaren schnell 2:0 in Führung. "Was wir befürchtet haben, ist eingetreten", kommentiert der unvergessene Radioreporter Herbert Zimmermann. Seine Reportage ist zur Legende geworden.

Die Deutschen sind nicht geschockt. Helmut Rahn, der "Boss", zieht aus 20 Metern ab. Maxl Morlock wirft sich im Spagatschritt in den Ball und drückt ihn mit allerletzter Kraft über die Linie (10.). "Gottseidank! Es steht nur noch 2:1", jubelt Zimmermann. "Und das sollte uns Mut geben." Tut es auch. 18. Minute: Fritz Walter zirkelt eine Ecke lang in den Sechzehner. Dort lauert Rahn. Der Boss nimmt das Leder direkt und markiert das 2:2. "Tor für Deutschland!" hallt es durch Millionen Haushalte. "Heute ist es kein 3:8. Heute ist es keine B-Mannschaft. Deutschlands A-Mannschaft hat aus einem 0:2 ein 2:2 gemacht." Die Ungarn stürmen weiter. Zwei Mal klären Posipal und Kohlmeyer auf der Linie. Die restlichen Angriffswellen stoppen Liebrich und Torhüter Toni Turek. Aus drei Metern feuert Hidegkuti aufs deutsche Tor, Turek lenkt das Leder um den Pfosten. "Toni, du bist ein Teufelskerl! Toni, du bist ein Fußball-Gott!" Zimmermann ist auch nicht mehr zu bremsen. Der Favorit wird immer nervöser, bleibt jedoch optisch überlegen und steht häufig vor dem dritten Tor. "Halten Sie die Daumen zu Hause", bittet Zimmermann. "Auch wenn Sie sie vor Schmerz zerdrücken. Aber halten Sie sie." Es hilft.

"Sechs Minuten noch im Berner Wankdorf Stadion. Keiner wankt. Unaufhörlich prasselt der Regen hernieder. Und Bozsik, immer wieder Bozsik der rechte Läufer der Ungarn hat den Ball - verloren diesmal an Schäfer. Nach innen geflankt. Kopfball - abgewehrt. Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt... Tor! Tor! Tor! Tor! 3:2 für Deutschland. Halten Sie mich für verrückt. Halten Sie mich für übergeschnappt, aber ich finde, auch Fußball-Laien sollten ein Herz haben."

Noch viereinhalb Minuten. Der geschockte, haushohe Favorit wirft alles nach vorne. "Und die Ungarn wie von der Tarantel gestochen lauern wie Puszta-Söhne, drehen jetzt den siebten oder zwölften Gang auf..." Noch wenige Minuten. Puskas erhält den Ball im Sechzehner. Sieben Meter vor dem Tor. Er schießt. "Gehalten von Toni, gehalten! Und Puskas der Major hämmert seine Fäuste auf den Boden, als wollte er sagen 'Ist denn das möglich?' Aber es ist wahr. Unser Toni hat ihn gemeistert." Die Nachspielzeit beginnt. Einwurf für Ungarn. "Aus, aus, aus! Das Spiel ist aus. Deutschland ist Fußball-Weltmeister!" Selbst der Reporter der DDR kann seine Freude nicht unterdrücken. "Das unvorstellbare ist passiert! Die westdeutsche Nationalmannschaft ist Weltmeister. Die ganze Fußball-Welt steht auf dem Kopf." Unbeschreibliche Jubelszenen auf dem Feld. Das Herberger-Team liegt sich in den Armen. "Die deutschen Spieler freuen sich ausgelassen und gebärden sich, als hätten sie ein Schloss gewonnen." Mit hängendem Kopf gratuliert Puskas dem deutschen Kapitän Fritz Walter, der den Pokal Jules Rimet entgegen nimmt.Spontane Freudenfeste über das "Wunder von Bern" starten in ganz Deutschland. Die Rückreise der Nationalelf im Zug begleiten Tausende auf den Bahnsteigen.

Der Stachel in Ungarn saß hingegen tief. Die "Versager-Elf" musste heimlich ins Land geschleust werden. Da einige ungarische Spieler während der WM mit einem Mercedes "ausgestattet" wurden, sprachen viele von einem "verkauften Finale". Noch Jahre später mussten sich die Akteure in der Heimat mit dem verlorenen Finale auseinander setzen. Der Titelgewinn sorgte in Deutschland über den rein sportlichen Erfolg hinaus für weltweite Anerkennung. Die Bevölkerung hatte nach den Entbehrungen der Nachkriegszeit wieder einen Grund zur Freude. Der WM-Sieg war gleichsam ein Symbol für das beginnende Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik. Die Helden von Bern aber gingen in die Geschichte ein. Sie wurden nicht reich, aber berühmt: Der DFB schüttete damals Prämien zwischen 2.000 und 2.500 Mark aus. Fritz Walter, der Kopf der Mannschaft, setzte seine Karriere bis zur WM 1958 in Schweden fort und wurde später zum ersten Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft ernannt.